Synästhesie.

Seit ich denken kann, sind meine Wochentage farbig, die Uhrzeiten in einer stehenden Ellipse angeordnet und Musik schillernd bunt.

Selbstverständlich ging ich davon aus, dass dies auch bei allen anderen Menschen so ist. Vor einigen Jahren las ich dann zufällig in einer Fachzeitschrift, dass nur wenige Menschen in dieser Form wahrnehmen können. Man nennt diese Fähigkeit Synästhesie.

Was ist Synästhesie?

Synästhesie ist keine Spinnerei, sie ist sogar im Labor (mit Hilfe der PET oder der fMRT) nachweisbar und wird erst seit relativ kurzer Zeit intensiv erforscht, um tiefer gehende Erkenntnisse über Wahrnehmung im Allgemeinen zu erhalten.

Man geht davon aus, dass der Maler Wassily Kandinsky ebenso Synästhetiker war wie der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman oder Blixa Bargeld, Kopf der Einstürzenden Neubauten, die schon seit je her eine meiner Lieblingsbands sind.

Im Prinzip sind alle denkbaren Sinnesverknüpfungen möglich, man kann z.B. Musik sehen, Farben schmecken, Schmerz geometrisch wahrnehmen oder Worte sehen. Besondere Merkmale der Synästhesie sind die Unabänderlichkeit und die Dauer der Verknüpfungen, d.h. die Synästhesien sind keine Assoziationen, sie sind ein Leben lang nicht veränderbar und nicht unterdrückbar. Sie sind „schon immer da“ und nehmen auch im Alter kaum ab. Mit Synästhesie geht häufig hohe Kreativität und intellektuelle Hochbegabung einher und sie findet sich häufiger bei Frauen.

Synästhesie in der Forschung

Mittlerweile beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit dem Phänomen Synästhesie und beleuchten es aus ihren jeweiligen Fachdisziplinen heraus (Medizin, Psychologie, Philosophie, Physik…) und mit unterschiedlichen Ansätzen:

Manche Forscher sehen Synästhetiker als „fossile Urgesteine“ an, bei denen eine Fähigkeit noch vorhanden ist, die im Laufe der Evolution verloren gegangen ist, weil sie keinen praktischen Nutzen mehr hat.

Andere Forscher schauen in die Gegenrichtung, nämlich dass Synästhetiker bereits jetzt schon eine Fähigkeit entwickelt haben, die für den Menschen der Zukunft wichtig sein wird.

Unklar ist jedoch, warum manche Menschen diese Fähigkeit besitzen, das Gros der Menschheit hingegen nicht.

Der Alltag mit Synästhesie

Synästhesie kann einige Dinge im Leben erleichtern, andere wiederum erschweren. Die einen Synästhetiker sind in der Lage, sich unendlich viele Telefonnummern zu merken, weil sie sich an den Farben der Ziffern orientieren. Die anderen hingegen tun sich mit der Mathematik schwer, weil sie einfach nicht verstehen können, warum rot+gelb=blau ergeben soll, da sich ihre farbige Ziffernwahrnehmung über den eigentlichen Rechenweg legt.

Ich bin Mitglied in der deutschen Synästhesie-Gesellschaft e.V. (DSG) und nehme an den jährlich stattfindenden Synästhesiecafés in der Medizinischen Hochschule Hannover teil.

Um über diese wunderbare Gabe zu berichten, halte ich Vorträge, habe Artikel veröffentlicht und der WDR sendete bereits ein Fernsehportrait über mein synästhetisches Empfinden.

Literaturempfehlungen (Auswahl):

  • Cytowic, Richard E. (1997): "Farben hören, Töne schmecken", Berlin: Byblos
  • Duffy, Patricia (2003): "Jeder blaue Buchstabe duftet nach Zimt", München: Goldmann
  • Dittmann, Alexandra (2007): "Synästhesien. Roter Faden durchs Leben?", Essen: Die blaue Eule
  • Emrich, H., Schneider, U., Zedler, M. (2002): "Welche Farbe hat der Montag?", Stuttgart: Hirzel

Blog
Link zum virtuellen Schreibtisch

© 2008-2010 Melanie Lahmer. Alle Rechte vorbehalten.